Frauenhaus Nienburg

ab wann wars eigentlich Gewalt

In ihren 14 Ehejahren hatte sich Jutta immer wieder anhören müssen „Was hast du den ganzen Tag gemacht und wo ist das ganze Geld schon wieder geblieben.“

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Diese Vorwürfe und Unterstellungen, war das schon eine Form von Gewalt?

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In der Nachberatungsgruppe des Frauenhauses für betroffene Frauen und ihre Kinder  ist Zeit für Gespräche. Auch, um das Erlebte noch einmal zu durchdenken und sich miteinander auszutauschen.

Eine kleine Gruppe Frauen arbeitet im „Schmetterlings-Projekt“ mit  und ist bereit, die eigene Geschichte  zu veröffentlichen, um anderen Frauen Mut zu machen.

Juttas Aufenthalt im Frauenhaus ist schon eine Weile her. Die Erinnerung an die Jahre davor ist allerdings noch immer gegenwärtig.

Jutta: Oft hatte ich nur 20 DM für die Woche, das Meiste ging für den Alkohol meines Mannes drauf.  Die Kinder und ich mussten uns immer wieder anhören. „Wer verdient denn das Geld?“ Wegen der Trinkerei hatte er aber immer wieder seine Arbeit verloren.

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Warum Jutta es solange ausgehalten hat, möchten die anderen gern wissen?

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Jutta: Im Nachhinein tut es mir immer wieder weh, dass ich so lange gewartet habe mich zu trennen, so hätte ich meinen Kindern viel Leid ersparen können, zumal mein ältester Sohn in der Zeit vor der Trennung Hilferufe signalisierte: Mama, lässt du dich jetzt scheiden?

Ulrike: Ich habe immer gedacht es wäre nicht gut für die Kinder so ohne alles dazustehen.

Nadia hat ihren gewalttätigen Partner nach sieben Jahren verlassen. Immer wieder war es zu Beleidigungen, schlimmen Drohungen und Handgreiflichkeiten gekommen.

Nadia: Ich habe ihm seine Versprechen aber geglaubt. Dass er sich ändert, eine Therapie beginnt. Und ich habe mich hörig gefühlt. Aus Angst, dass er seine Mord-Drohungen wahr macht.

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Was empfinden wir eigentlich als Gewalt?

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Gewalt ist nicht nur, wenn es mit Schlägen zu tun hat, sagt Ulrike. „Ich finde  auch, dass die Frauen psychisch unter Druck gesetzt werden und dass sie keine eigene Meinung mehr haben, ist Gewalt.

Franziska: Gewalt gibt es nicht nur körperlich sondern auch verbal.

Ulrike: Dass die Männer mit Gewalt oder gar mit Mord der Frauen und Kinder drohen. Die letzte Würde wird mir als Frau genommen.

Nadia: Ich wurde ins Gesicht geschlagen, getreten, beleidigt, gedemütigt, meine  Sachen wurden von meinem Partner weggenommen. Er hat mich geboxt, geschubst, gewürgt  und massiv bedroht mit Mord gegen mich und meine Familie.

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Welche  Auswirkungen hatte die Gewalt auf die  Kinder?

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Nadia: Meine Kinder sind durch die Gewalt beide schwer traumatisiert, aggressiv und ängstlich. Die  Verlustangst brachte auch   Schlafstörungen und daraus folgend Entwicklungsprobleme mit sich. Jetzt ist es schwer, eine Therapie zu bekommen.

Jutta: Durch die Demütigungen wurde meinem ältesten Sohn  das Selbstbewusstsein genommen. Immer wieder gab es Bestrafungen gegen ihn. Spiel- und Fernsehrverbot, wochenlanger Stubenarrest und Beleidigungen haben ihn emotional sehr geprägt.

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Waren die Trennung und der Schritt ins Frauenhaus die richtige Entscheidung?

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Jutta: Die Flucht ins Frauenhaus habe ich nie bereut, denn dort habe ich viel Hilfe bekommen, z.B. weitere Schritte bis zur Scheidung, Behördengänge, Wohnungs-Suche, Rechtsanwalt einschalten und was mir besonders geholfen hat, dass ich, wenn es mir besonders schlecht ging, immer wieder aufgebaut worden bin.

Ulrike: Ich habe mich vorher sehr allein gelassen gefühlt, auch mit der Entscheidung, die Kinder in einer Pflegefamilie unterzubringen und danach vom Ex-Mann unter Druck gesetzt zu werden.

Für mich und meine Kinder war  es  der richtige Weg. Die Kinder kommen in der Pflegefamilie ganz gut zurecht, ich fehle ihnen, sie mir aber auch.

Nach dem Vater wird nicht mehr gefragt.

Nadia: Ich hatte schon auch Zweifel. Meine Anzeige wegen Körperverletzung wurde erst nach zwei Jahren verhandelt.

Erfolgreich zwar, aber die Verhandlungen kosten Kraft, das Zerren um die Kinder, um Macht zu demonstrieren, die vielen Termine waren ohne Rückhalt in der Familie  kaum zu schaffen.

Franziska:  Ich erinnere  mich noch gut an den Tag  im Oktober.

Nach jahrelangen Versuchen, unsere Ehe aufrecht zu erhalten, eskalierte die Situation.

Ich hatte die Kinder weggebracht. In den Kindergarten und in die Schule. Mein Mann kam nach Hause, stellte  den Roller in die Garage sah mich wütend an.

Ich bin so schnell es ging ins Haus. Die Haustür stand noch offen. Er nahm mir die Autoschlüssel weg und drohte, ich würde hier nicht mehr raus kommen. Da nahm ich meine ganze Kraft und stieß ihn bei Seite und lief los und rief meine Freundin an.

Nach den Drohungen konnte ich mich nicht mehr beruhigen. Wir fuhren zu meiner Freundin nach Hause und von dort rief ich im Frauenhaus an.

Treffpunkt war der Bahnhof um 12 Uhr. Eine Mitarbeiterin des Frauenhauses holte mich ab, mit meinen Kindern. Sie nahm uns im Frauenhaus  auf, zeigte uns alles und ließ mir die Zeit, um mich zu sammeln und anzukommen.

Die Gespräche mit ihr und  die Unterstützung waren super und haben sehr geholfen. Die Behördengänge, die Betreuung der Kleinen und Zuwendungsgespräche mit  Renate, Kirsten und Birgit  vom Frauenhaus-Team waren toll und gaben Kraft. Ich  war nicht allein.

Ich war sechs Wochen im Frauenhaus und denke mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück.

Aber eines weiß ich: ohne das Frauenhaus und meine Freunde wäre ich heute nicht so weit gekommen und hätte vieles nicht gewusst.