Frauenhaus Nienburg

Die heimliche Scham

Häusliche Gewalt zwischen Privatspähre und gesellschaftlicher Aufgabe
 
Dieses Thema geht jeden an – im Prinzip jedenfalls. Es handelt von Gewalt in Partnerschaften, von Gewalt zwischen Menschen, die einmal ineinander verliebt waren und eine Beziehung eingegangen sind.
 
Sie haben geheiratet oder leben ohne Trauschein zusammen, Sie ziehen gemeinsam Kinder groß oder leben kinderlos.

Die Lebensumstände können verschieden sein, aber Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Bei Putzfrauen ebenso wie bei Professoren, bei Mechanikern wie bei Ärztinnen.

Gewalt kann junge Paare ebenso betreffen wie langjährige Lebensgefährten, sie kann in krisengeschüttelten Beziehungen eine Rolle spielen oder in scheinbar harmonischen Partnerschaften, sie trifft selbstbewusste ebenso wie zurückhaltende Menschen.

Trotz zahlreicher Besonderheiten im Einzelfall gibt es ein typisches Kennzeichen: Die Gewalt findet in der Regel ohne Zeugen statt. Und sie bleibt deshalb lange unentdeckt, die Opfer sind allein mit ihrer Situation.

Gewalt in Beziehungen bedeutet, dass der Ort, der eigentlich Geborgenheit und Zuwendung geben soll, ein Ort von Unsicherheit und Angst wird.

Dass wir selten davon erfahren, liegt daran, dass Täter und Opfer das Geschehen geheim halten – die Täter aus Angst vor Strafen, die misshandelten Frauen aus Scham, Hilflosigkeit und aus Angst.

1989 veröffentlichte die Bundesregierung einen umfangreichen Bericht über die „Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt“ und kam zu einem schockierenden Ergebnis:
 
Nirgendwo in unserer Gesellschaft passiert so viel Gewalt, wie im privaten Raum.
 
Der Gewaltbericht hat darüber hinaus gezeigt, dass Gewalt in Familien nicht alle Familienmitglieder gleichermaßen betrifft, sondern dass überwiegend Frauen und Kinder die Leidtragenden sind.

Daran hat sich bis heute im Wesentlichen nichts geändert. Immer noch liegt für Frauen und Kinder das größte Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, in der eigenen Familie. Dennoch hat sich die Situation schrittweise verbessert, zum Beispiel auf gesetzlicher Ebene.

Seit Januar 2002 gibt es das Gewaltschutzgesetz, dessen Umsetzung auch die Arbeit der Polizei verändert hat.
 
Wer schlägt, muss gehen!
 
So lautet seitdem die einfache Zusammenfassung der Möglichkeit, den Täter der gemeinsamen Wohnung zu verweisen.

Das Gesetz eröffnet aber auch einen anderen Umgang der Gesellschaft mit dem sensiblen Thema, denn was es wert ist, in ein Gesetz eingebracht zu werden, hat auch einen gesellschaftlichen Stellenwert.

Das wiederum ermöglicht den Opfern häuslicher Gewalt, ihr persönliches Leid in einen neuen Kontext zu stellen, ihren Weg in ein gewaltfreies Leben zu dokumentieren, um anderen Betroffenen zu zeigen:
 
Du bist mit deinem Problem nicht allein!
 
Häusliche Gewalt ist nicht die Schuld und schon gar nicht die Privatangelegenheit der Opfer. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das gelöst werden muss.

*Aus: Andrea Buskotte,  Gewalt in der Partnerschaft., Patmos Verlag 2007, ISBN 978-3-491-40107-5